Neoliberale Verhältnisse

3.5.2012 Die „sonstige“ Arbeit nimmt überhand, so dass der tägliche Eintrag kurz mal ausfiel. Hier ersatzweise aus meinem Archiv als webmaster einer Berufsschule eine Frage aus dem Schul-Blog von 2005. Die genannten kolumbianischen Verhâltnisse liegen zwar mehr als 10 Jahre zurûck, zeigen sich allerdings in anderer Form auch heute noch.

In Sozialkunde fiel das Wort Neoliberalismus, dann war aber keine Gelegenheit mehr, darauf zurückzukommen. Was ist das?

In meinen Unterlagen habe ich eine Antwort vom Missionar Norbert Spiegler, der in Kolumbien arbeitet und mit „norbert spiegler kolumbien“ leicht zu googeln ist. In Kolumbien herrschen neoliberale Verhältnisse. Er überträgt, was in Kolumbien geschieht, auf seine Heimat, die Schweiz:

  • Vor der Krankenkasse «Concordia» an der Bahnhofstraße in Olten bildet sich jede Nacht ab drei Uhr eine Schlange: Um 7.30 Uhr werden neun bis elf Arzttermine vergeben. Als Frau Hürlimann reklamiert, dass sie schon um 5.30 Uhr angestanden sei, wird sie als fauler Spätankömmling bezeichnet.
  • Das Kantonsspital in St. Gallen ist als unrentabel geschlossen worden. Jetzt gibt es nur noch Privatkliniken in der Stadt. Die versicherten Kranken müssen aber erst zu einer der kommerziellen Krankenkassen gehen, um eine Einweisung zu bekommen (siehe Beispiel oben).
  • Im Zuge der «Modernisierung» wurde die Klassenstärke der öffentlichen Schulen um 33% erhöht. Außerdem werden Schulen fusioniert, und weniger Lehrer haben mehr Klassen zu betreuen. Die Eltern der Primarschule Altenrhein müssen jetzt für zwei Lehrer der Schule, die Sekretärin und alles Schulzubehör selbst aufkommen – angefangen vom Mobiliar über Reparaturen, Schulbücher bis zu den Reinigungsartikeln. Langfristig soll das ganze Schulsystem dem privaten Wettbewerb überlassen werden.
  • Nach dem neuen Anforderungsprofil der Wach- und Sicherheitsfirmen werden nur noch Wachmänner mit Matura angestellt. Das gilt auch für den Wachmann der Großtankstelle ESSO in Oftringen.
  • Die Brötchen sind im Preis um das Doppelte gestiegen. Nach der Öffnung des Marktes im Zuge der weltweiten Liberalisierung ist der nationale Getreideanbau zusammengebrochen, und das Ausland hat den Preis angezogen.
  • In Lugano wird eine der drei «Arbeitsgesetzfreien Wirtschaftszonen» der Schweiz eingerichtet. Die junge arbeitslose Frau Bernasconi wird künftig ohne fixen Minimallohn und ohne Sozialabsicherung in mobilen Industriebetrieben Taiwans und Südkoreas arbeiten müssen. Für die Anstellung von Kindern und Jugendlichen ist nicht mehr die Erlaubnis des Arbeitsamtes einzuholen.
  • Die Bauern des Glarner Hinterlandes haben ihr Land aufgegeben und wohnen jetzt in Wohnwagen in Sargans, seitdem nach der Liberalisierung des Marktes die Milchprodukte der EU den Markt beherrschen.
  • In Genf, in Zug, aber auch in allen anderen Städten der Schweiz, ist die Selbstmordrate bei Familienvätern mittleren Alters wegen Verschuldung sprunghaft angestiegen, weil der Staat die ursprünglich geltende Regelung der Zinsen aufhob und dem freien Belieben der Banken überließ.
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2 Gedanken zu “Neoliberale Verhältnisse

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