About III

12.5.12.
Die Ausgabe vom 2.4.12 von Aus Politik und Zeitgeschichte, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, trägt den Titel Vollbeschäftigung. Die ersten vier Artikel wurden hier zitatweise vorgestellt. Fünf weitere Artikel stehen für eine Fortsetzung zur Verfügung. Ob das fortgesetzt werden soll oder wie stattdessen, ist die Frage.

Bis zu den eingehenden Antworten herrscht erst einmal Pause. Was schlagen Sie vor? Sie haben das nächste Wort!

Puppentheater

11.5.12, Seite 19, Vollbeschäftigung: ein zeit- und gesellschaftskontingenter Begriff, Fazit von “Was ist Vollbeschäftigung?” Fast jeder Satz könnte jeden Tag Zitatquelle sein. Aber es geht nicht darum, diesen Blog täglich zu strecken, sondern dass Sie einmal widersprechen oder zum Ziel der Vollbeschäftigung hier mal etwas beitragen. Nur dieses Zitat als Abschluss von der Professorin Yollu-Tok:

..die Arbeitsmarktreformen und die damit einhergehenden neuen Beschäftigungsformen (haben) zu einem Wandel des Begriffs der Vollbeschäftigung geführt, eine Entwicklung, die sich als Vollbeschäftigungsmaßstab entgegen der gesellschaftlichen Vorstellung der Normalarbeitsverhältnisse bewegt.

Die gesellschaftliche Vorstellung, in Demokratien als der Konsens einer Mehrheit umgesetzt, ist doch eine Richtschnur für Politik und nicht der Marionettenfaden der Banken und Investoren, die sich hinter dem Begriff Markt verstecken und die Politik einseifen.

Schattenwirtschaft

10.5.12, Seite 19, Vollbeschäftigung: ein zeit- und gesellschaftskontingenter Begriff, Frage 4 “Was ist Vollbeschäftigung?” Hier nun die Steigerung des BIP um ein Drittel.

Berücksichtigt man dies, so gibt es neben der Erwerbsarbeit insbesondere noch den großen Bereich der Schattenwirtschaft und der Hausarbeit, wodurch der Beschäftigungsstand unterbewertet wird. Letzteres umfasst all jene Tätigkeiten, die man selber erledigt, die man aber auch durch Dritte entweder in Form von Erwerbsarbeit oder als Schwarzarbeit erledigen lassen könnte. Versucht man diese Größen zu bewerten und zu berechnen, so könnte dies das Bruttoinlandsprodukt um etwa ein Drittel erhöhen und Vollbeschäftigung eine andere Qualität beimessen. Die Aufteilung der Tätigkeiten zwischen Erwerbsarbeit und Nichterwerbsarbeit ist allerdings nicht fix, sondern durch staatliche Maßnahmen veränderbar.

Das ist ein großes Rätsel, warum die notwendige Arbeit (nicht nur ein Drittel der Erwerbsarbeit sondern viel mehr) nicht per sozialversicherungspflichtiger Erwerbsarbeit als Ergebnis staatlicher Maßnahmen erledigt werden kann. Im Gegenteil, die Schattenarbeit nimmt noch zu. Z.B. indem Mittelständler mehr und mehr zu Methoden des bargeldlosen Leistungsaustausches greifen.

Ausgrenzung

8.5.12, Seite 18, Vollbeschäftigung: ein zeit- und gesellschaftskontingenter Begriff, Frage 4 “Was ist Vollbeschäftigung?” Ein wichtiger, weil auskunftgebender Teil des Heftes.
Wenn eine Beschäftigung mit einem hohen Risiko behaftet ist und zu Armut in Arbeit ( working poor) führen kann, kann es zu sozialer Ausgrenzung kommen. Gerade die Abnahme von Normalarbeitsverhältnissen kann zur Verbreitung von Abstiegsängsten in der Bevölkerung führen. Dies gilt nicht nur für Erwerbstätige, die von Arbeitslosigkeit unmittelbar bedroht sind, sondern auch für die Mittelschicht in durchaus gesicherten Verhältnissen. Gerade für Deutschland wird solch eine schichtenübergreifende Abstiegsangst diagnostiziert. Das darf nicht so weitergehen! Wie geht es anders?

Normal und atypisch

7.5.12, Seite 17, Vollbeschäftigung: ein zeit- und gesellschaftskontingenter Begriff, Frage 4 “Was ist Vollbeschäftigung?” Ein wichtiger, weil auskunftgebender Teil des Heftes.
An dieser Stelle muss aber nach der Qualität der Erwerbstätigkeit gefragt werden. Normalarbeitsverhältnisse werden definiert als unbefristete Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse, die zu einer vollständigen Integration in die sozialen Sicherungssysteme führen, und zusätzlich Identität von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis sowie Weisungsgebundenheit des Arbeitnehmers vom Arbeitgeber vorliegen. Wird von dieser Norm abgewichen, spricht man von atypischer Beschäftigung . In der deutschen Beschäftigungsstatistik werden atypische Beschäftigungsverhältnisse, wie Befristungen, Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung (Minijob/Midijob) sowie Teilzeitbeschäftigung auf einer Ebene mit Normalarbeitsverhältnissen erfasst. Atypische Beschäftigungsverhältnisse sind aber im Gegensatz dazu häufig mit einer geringeren sozialen Absicherung, einem meist niedrigeren Erwerbseinkommen sowie einem höheren Armutsrisiko verbunden. Dazu die Zahlen: 78,1% Normalarbeitsverhältnisse in 1991 und 66% in 2010, 12,4% atypische und 1991 und 22,4% in 2010. Damit ist der aktuelle Arbeitsmarkterfolg vor allem auf Beschäftigungsverhältnisse zurückzuführen, die eine nur geringe soziale, rechtliche und finanzielle Absicherung gewährleisten. Ist das Schicksal, ist das gewollt? Soll das so weitergehen? Oder geht es auch anders? Auf Seite 36-37 gibt es die gleiche Lagebeschreibung, dazu die Prognose, dass sich das in zwei Ebenen verfestigt. Dieser Zukunft muss entgegen gewirkt werden.

Magie

30.4.12, Seite 16 Vollbeschäftigung: ein zeit- und gesellschaftskontingenter Begriff, Frage 3 “Vollbeschäftigung: ein „einfach“ zu verfolgendes Ziel?“
Wieder keine Frage, sondern die dritte Feststellung, über die gesprochen werden muss: Zum anderen liegt Vollbeschäftigung im Spannungsfeld makroökonomischer Zielkonflikte. Das Erreichen eines volkswirtschaftlichen Gleichgewichts ist das Ziel wirtschaftspolitischer Handlung. Die Herausforderung hierbei ist, die als „magisches Viereck“ zusammengefassten Zielsetzungen gleichzeitig zu erreichen: Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität, Wirtschaftswachstum sowie ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Innerhalb des Vierecks bestehen aber Zielkonflikte, weshalb das gleichzeitige Erreichen der einzelnen Zielsetzungen sowohl theoretisch als auch empirisch nicht möglich ist – daher auch magisch.

Das ist nicht nur Uni-Grundkurs, das ist auch gängige Sozialkunde. Entlarvend ist der Begriff Magie. Der Magier lenkt ab und täuscht. Und wir alle sind so verzaubert, dass wir die vier Ziele des magischen Vierecks in das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz gegossen haben. Wachstum ist schon entzaubert, das hat Grenzen. Preisstabilität ist der Fetisch der EU und außenwirtschaftliches Gleichgewicht stellt sich von alleine ein, wenn es beim Geben und Nehmen gerecht zu geht. Aber, das alles ist Wirtschaftspolitik. Hat diese das Recht, jede andere Politik zu dominieren? Es geht doch um Leben und Mensch. (und das Recht auf Arbeit, um Menschenpolitik.)

Gepflegte Unterbeschäftigung

28.4.12, Seite 16 Vollbeschäftigung: ein zeit- und gesellschaftskontingenter Begriff, Frage 3 “Vollbeschäftigung: ein „einfach“ zu verfolgendes Ziel?“
Auch keine Frage, sondern die zweite Feststellung in der Einleitung des Abschnitts, die es lohnt, hervor gehoben zu werden: Je höher die Arbeitslosigkeit, desto geringer ist die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmerverbände und damit die Entlohnung. Liegt jedoch Vollbeschäftigung vor, können aufgrund der stärkeren Verhandlungsposition der Arbeitnehmer höhere Löhne ausgehandelt werden, womit die Kosten der Produktion steigen würden. Weiterhin würde der Lohn als Instrument zur Erhöhung der Produktivität innerhalb der Belegschaft im Falle einer Vollbeschäftigung nicht greifen: Die Unternehmen haben der Effizienzlohntheorie zufolge die Möglichkeit, durch das Bezahlen von Löhnen oberhalb des Gleichgewichtslohns zum einen die Produktivität der Arbeitnehmer zu erhöhen und zum andern deren Abwanderung in andere Unternehmen zu verhindern. Beide Ziele werden eher erreicht, wenn Unterbeschäftigung herrscht.

Stimmt. Deshalb wurde ja die Vollbeschäftigung mit 15% Lohnsteigerung in den 60er Jahren absichtlich per Gastarbeiterimport beendet. Deshalb wird auch die zur Zeit gehegte und gepflegte Unterbeschäftigung als sogenannte Vollbeschäftigung verkauft. Bei der oben zitierten Realität führt die Überlegung, ob das so sein muss, zu Ideen, wie Produktivität und Lohn entkoppelt werden könnten. Schon heute gibt es eine Mehrheit, die die Sicherheit des Arbeitsplatzes einer hohen Bezahlung vorzieht. Viele denken, Geld ist nicht alles. Und eine sinnstiftende Tätigkeit bereichert das Leben.