Über die Autoren

24.4.12 Bevor der dritte Aufsatz betrachtet werden soll, ein kurzes Wort zu den Autoren. Der Bundeszentrale für politische Bildung gelingt es ja, ausgewiesene Fachleute für die Beiträge zu gewinnen. Der ditte Beitrag kommt von Prof. Dr. Aysel Yollu-Tok, die beim Mitautor Prof. Dr. Werner Sesselmeier promovierte. Der wiederum promovierte bei Prof. Dr. Dr. h. c. Bert Rürup. Ein Netz, wo die drei als Beirat und externe Mitarbeiterin zu finden sind, ist das Institut WifOR. Die beiden Autoren haben aber eine weitere Gemeinsamkeit. Sie arbeiten in der Gesellschaft für sozialen Fortschritt. Werner Sesselmeier ist der Herausgeber der zugehörigen Zeitschrift und Frau Yollu-Tok ist redaktioneller Leiter. Das Besondere: Die Gesellschaft für Sozialen Fortschritt e.V. ist über 100 Jahre alt. Sie steht für den Anspruch, auf hohem Niveau wissenschaftliche Analysen zur ganzen Breite der Sozialpolitik, einschließlich der Schnittmengen zur Wirtschaftspolitik (Arbeitsmarkt, Einkommenspolitik etc.) vor dem Hintergrund eines breiten gesellschaftspolitischen Erkenntnisinteresses in die öffentliche Diskussion zu tragen. Auch die europäische Integration ist bei uns ein ständiges Thema.. Mal sehen, ob es da etwas zu kommentieren gibt. Beim vorigen Autor Hans-Jürgen Urban wäre das ständige Ja, Ja und wieder Ja bestimmt langweilig gewesen und ist ja auch weggefallen. Frage, wie hat Hans-Jürgen Urban gefallen?

Solidarische Neuordnung

23.4.12, Seite 12 Gute Arbeit: Leitbild einer zeitgemäßen Vollbeschäftigungspolitik, Letzter Teil “Solidarische Neuordnung des Arbeitsmarktes” aus dem Essay von Hans-Jürgen Urban

Die gesamte Abhandlung von Hans-Jürgen Urban ist Wasser auf die Mühle diesen Blogs.  Über Arbeitsmarktpolitik alleine lässt sich der Schwenk hin zu einer am Leitbild Gute Arbeit ausgerichteten Vollbeschäftigungsstrategie nicht bewerkstelligen. Hierzu bedarf es einer anderen Wirtschafts- und Steuerpolitik.

Notwendig ist vielmehr eine solidarische Neuordnung des Arbeitsmarktes, die darauf zielt, Prekarität und Armut für Beschäftigte und Arbeitslose zu vermeiden und für beide Perspektiven und Sicherheit zu schaffen.

Fazit: Nicht Niedriglöhne, ausufernde Arbeitszeiten, verschleißende Arbeitsbelastungen und Druck auf Arbeitslose, sondern ein starkes Flächentarifvertragssystem, faire Löhne und sichere Beschäftigung, Investitionen in Bildung und Qualifizierung sowie humane Arbeitsbedingungen weisen die richtige Richtung für eine an Guter Arbeit orientierte, wohlfahrtsstaatliche Vollbeschäftigungspolitik.

Lokal, regional, global, bitte verwirklichen!

 

Rückkehr sozialer Unsicherheit

21.4.12, Seite 9 Gute Arbeit: Leitbild einer zeitgemäßen Vollbeschäftigungspolitik, Abschnitt 2 „Prekarisierung und soziale Ungleichheit als Programm für Vollbeschäftigung?“ aus dem Essay von Hans-Jürgen Urban

Eine kritische … und ehrliche(n) Analyse der Arbeitsmarktentwicklung ..lässt … schnell deutlich werden, dass das Bild des weitgehend problemfreien Arbeitsmarktes nicht zutrifft. Es droht ein Sockel verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit. Bei der Zunahme der Beschäftigungsverhältnisse handelt es sich nicht selten um atypische und zugleich um prekäre Beschäftigungsverhältnisse, und den Betroffenen ist der Weg in ein unbefristetes, sicheres Normalarbeitsverhältnis auf Dauer versperrt. Hier entwickelt sich ein gespaltener Arbeitsmarkt mit gut bezahlten Fachkräften einerseits und prekär und zu Niedriglöhnen Beschäftigten andererseits.
Die Folge dieser Entwicklung ist die Zunahme sozialer Ungleichheit und die „Rückkehr sozialer Unsicherheit“ in die Lohnabhängigenexistenz.

Gute Arbeit

20.4.12 Seite 8 Gute Arbeit: Leitbild einer zeitgemäßen Vollbeschäftigungspolitik, Abschnitt 1 aus dem Essay von Hans-Jürgen Urban

Die Stimmung scheint gut: Wenn heute über den Arbeitsmarkt gesprochen wird, dann überschlagen sich die Erfolgsmeldungen…..  ….So zeigt schon eine ehrliche Bilanz der aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt, dass nicht einmal die angeblichen Erfolgszahlen einer genauen Überprüfung standhalten. Gründe genug, um nach einer Alternativstrategie zu suchen.

Fazit

19.4.12 Seite 7 Wege zur Vollbeschäftigung, Abschnitt 4, Fazit, aus dem Essay von Thomas Straubhaar

…die Arbeitslosigkeit ist deutlich zurückgegangen. Die makroökonomischen Rahmenbedingungen sprechen dafür, dass diese erfreuliche Entwicklung in den nächsten Jahren andauert.
Und dann folgen die Rezepte niedrigere Tarifabschlüsse, höhere Mobilität der Arbeitsuchenden, mehr Bildung und Verbesserung der Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf. Natürlich per Sozial- und Bildungspolitik und gegebenenfalls über direkte Transfers und Hilfe zu Lasten des Steuerzahlers.
Was für diesen Blog interessant gewesen wäre, wozu überhaupt Vollbeschäftigung, wurde im Essay nicht erwähnt. Das wurde quasi als erstrebenswerte Ausgangslage für eine Empfehlung der Verschärfung des Politikwechsels seit dem Genossen der Bosse Schröder vorausgesetzt.
Tipp: Eine Webseite mit einem Abriss der Wirtschaftspolitik vom 1. Weltkrieg an bis zum Kanzler Schröder findet sich bei Ralph Netzker: Die Krise des Fordismus.

Daueraufgabe

18.4.12 Seite 7 Wege zur Vollbeschäftigung, Abschnitt 3, Wege Richtung Vollbeschäftigung, aus dem Essay von Thomas Straubhaar

Bevor es zum Abschnitt 4, dem Fazit des Essays kommt, kann dem Rest der „Wege Richtung Vollbeschäftigung“ nur zugestimmt werden: Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärken… …beispielsweise durch verbesserte Kinderbetreuungsangebote.

Und: Bildungsinvestitionen sind Zukunftsinvestitionen. Um das Ziel der Vollbeschäftigung realisieren zu können, bedarf es neben einer gezielten Politik, die auf Langzeitarbeitslosigkeit gerichtet ist, einer Politik, die auf die Fachkräfte zielt. Das kann nur gelingen, wenn das (Aus-)Bildungssystem ständig weiterentwickelt und den geänderten Anforderungen einer modernen Arbeitswelt angepasst wird. Das ist keine Einmal-, sondern eine Daueraufgabe.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Arbeit würde enorm verbessert, wenn Arbeitszeitverkürzung wieder ein Thema wäre. In der taz vom letzten Wochenende greift Walter Lochmann das Modell des Lebensarbeitszeitskontos auf.

Empfehlungen zu gering Qualifizierten

17.4.12 Seite 6 Wege zur Vollbeschäftigung, Abschnitt 3, Wege Richtung Vollbeschäftigung, aus dem Essay von Thomas Straubhaar

Gering Qualifizierte kosten nach dem bisher Gesagten mehr, als das, was sie einbringen. Folglich muss nach Th. Straubhaar der Arbeitgeber entlastet werden. „…eine wesentliche Maßnahme zur Verbesserung der Beschäftigung von gering Qualifizierten (besteht) in der Absenkung der lohnabhängigen Sozialversicherungsbeiträge.“
Das reicht aber nicht. „Deshalb müssen die Löhne von bestimmten Arbeitnehmern durch Zuschüsse ergänzt werden.“
Das reicht aber immer noch nicht. Deshalb einfach diesen Teil der arbeitsuchenden Bevölkerung abschaffen: „Für die weitere Entwicklung der Beschäftigung ist es daher von besonderer Bedeutung, die Zahl der gering Qualifizierten zu reduzieren. Dazu ist es notwendig, die in den nächsten Jahren demografisch bedingt ausscheidenden Arbeitnehmer mit geringen Qualifikationen durch solche mit besseren Qualifikationen zu ersetzen.“
Das ist natürlich so nicht gemeint, das Bildungssystem soll es richten, dass solche gering Qualifizierten erst gar nicht existieren. Soweit diese Stelle im Essay.
Wird hier immer Vollbeschäftigung mit auskömmlichen Arbeitsplätzen für alle definiert, kommt wegen der Würde auch der gering Qualifizierten noch etwas hinzu. Alfred Adler sagt, das höchste Gut eines Menschen ist Ansehen und Geltung. Wer nicht be- und geachtet wird, vegetiert dahin, ist ein Ausgestoßener. Der Kern der Geltung ist die permanente Bestätigung, dass der Mensch zur Gemeinschaft gehört, Teil der Gesellschaft, einer Gruppe, einer Familie ist. Der Wunsch, gebraucht zu werden, ist Ausdruck des Anspruchs auf Geltung in der Gesellschaft. So wie der Antritt der Rente, das Nicht-mehr-gebraucht-werden, manchmal tödlich ist, kann auch die obige Behandlung von gering Qualifizierten tödlich genannt werden. Michael Moore nennt die Detroiter Manager, die 50.ooo entlassen haben, Mörder.

Mindestlöhne als Problem

16.4.12 Seite 6 Wege zur Vollbeschäftigung, Abschnitt 3, Wege Richtung Vollbeschäftigung, aus dem Essay von Thomas Straubhaar

T’schuldigung für wird morgen fortgesetzt. Versprechen gebrochen, – Sonntagsruhe einzuhalten ist für Vollbeschäftigung wichtiger. Nun aber weiter. Stehengeblieben bei Mindestlohn als Makel eines Arbeitsplatzes. Warum? Der Arbeitgeber schämt sich nicht, seinen Mitarbeitern das gerade Erforderliche zu bieten. (Dass Mindestlöhne selbst erforderlich sind, macht die Situation mehr als peinlich für die Gesellschaft.)

Der aktuelle Spiegel nennt auf Seite 85 in einer Grafik als deutschen Reformweg die Kernpunkte der Arbeitsmarktreformen 2003 bis 2005:

  • Ausweitung von Leiharbeit und Mini-Jobs
  • Lockerung des Kündigungsschutzes und befristeter Arbeitsverhältnisse
  • Verkürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes
  • Strengere Kriterien für den Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung
  • Zusammenführen von Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf Sozialhilfenniveau (Hartz IV)

Die Grafik zeigt als Resultat die Senkung der Arbeitslosenquote in 2005 von 11,2% auf 5,9% in 2012. Erfolgreiches Verhalten also beibehalten?
Stehengeblieben waren wir am Sonnabend beim Zitat, dass die Geringqualifizierten bei diesem Reformweg noch außen vor blieben, dass ihre Produktivität nur geringe Löhne erlaubt. Gegebenenfalls liegen diese nur wenig über oder sogar unterhalb dessen, was gesellschaftlich als sozial akzeptable Einkommensuntergrenze betrachtet wird. Um diese Problematik zu umgehen, fordern Teile der Politik Mindestlöhne. Diese würden aber nur in einigen Fällen tatsächlich zu einer besseren Entlohnung der gering qualifizierten Beschäftigten führen. In weiten Teilen würden die Mindestlöhne die Beschäftigung dieser Gruppe verhindern und damit das Problem der Arbeitslosigkeit vergrößern.  Laut Wikipedia ist das neoklassisch, ein Mindestlohn hält diejenigen Arbeitnehmer vom Arbeitsmarkt fern, bei denen der unternehmerische Ertrag aus ihrer Arbeit unter den Kosten ihres Arbeitsplatzes liegt. Der Wikipedia-Artikel zeigt die Diskussion, davon muss hier nichts wiederholt werden. Dass es die Forderungen nach Einführung oder Abschaffung des Mindestlohnes gibt, liegt am jeweiligen Haben- und Gebenwollen. Vollbeschäftigung löst das auf, sorgt für eine Zivilisierung eines barbarischen Teils des Lebens, dem Brötchenerwerb.

Chancen für gering Qualifizierte

14.4.12 Seite 6 Wege zur Vollbeschäftigung, Abschnitt 3, Wege Richtung Vollbeschäftigung, aus dem Essay von Thomas Straubhaar

Da die gering qualifizierten einen hohen Anteil an den Arbeitslosen stellen, gehören notwendigerweise verbesserte Chancen für die Betroffenen zu den Wegen Richtung Vollbeschäftigung. „Bildung ist eine der wesentlichen Determinanten der Arbeitslosigkeit..  ..Wesentlich ist es aber auch, Stellen für gering Qualifizierte zu schaffen….  ..Allerdings besteht bei der Beschäftigung von gering Qualifizierten häufig das Problem, dass deren Produktivität nur geringe Löhne erlaubt.“ Bildung als Grundlage persönlicher Verwirklichung und auch gesellschaftlichen Friedens ist noch bedeutender als Vollbeschäftigung. Letztere stellt sich auch als Folge von Bildung ein. (Für den Blog hier ist das aber unwichtiger, weil wohl jeder den Wert von Bildung sieht, bei Vollbeschäftigung dagegen jedoch nicht.)  Der Bildungserwerb ist aber beim bei uns reichlich vorhandenem Angebot nicht mit Druck zu erreichen, sondern abhängig vom erreichbaren Gehalt und Ansehen. Leidet also Schule zur Zeit unter Bildungsunwilligen, dann wegen deren aussichtsloser Situation. Geringe Qualifikation ist im Grunde ein Ergebnis von Aussichtslosigkeit. (Gilt auch für mangelnde Integration.) Für die unbedingt in Aussicht zu stellenden Arbeitsplätze sind Lohn und Ansehen eminent wichtig. Ein Fehler ist, die Produktivität als Maßstab heranzuziehen. Die qualifizierte Stellung zeigt sich darin, was alles zusammenbricht, wenn sie wegfällt. Mindestlohn und staatlicher Zuschuss, zweiter und dritter Arbeitsmarkt qualifiziert jede Stellung ab. (Wird morgen fortgesetzt.)

Humankapital

13. 4.12 Seite 5 Wege zur Vollbeschäftigung, Abschnitt 3, Wege Richtung Vollbeschäftigung, aus dem Essay von Thomas Straubhaar

Wäre es nicht schön, Ältere, insbesondere die älteren Langzeitarbeitslosen bekämen Stellen angeboten? Leider gibt es Hindernisse:  Einer besteht darin, dass Ältere im Vergleich zu ihrer Produktivität höhere Löhne verlangen. Hier sind flexiblere Tarife die Lösung. Nanu, welcher Jobsucher, jung oder alt, ist heute in der Lage, guten Lohn zu verlangen? Ein weiterer sei, dass für ältere Arbeitnehmer betriebsspezifische Investitionen in „Humankapital“ weniger rentabel sind als für jüngere. Erstaunlich. Vorgestern berichtet die Berliner Zeitung, dass sich die Verwaltung abschafft. Wie das? Jahrelanger Personalabbau, Überalterung und fehlender Nachwuchs werden in den nächsten Jahren mit dem Weggang des Personals die Ämter leer zurück lassen. Hier müsste betriebsspezifisch in Nachwuchs investiert werden. Die Alten brauchen das nur, wenn Neues eingeführt wird.

Es fehlt doch nicht (leider) an einer Anpassung der Löhne für Ältere nach unten, es gibt inzwischen auch eine zunehmende Wertschätzung der Älteren in den Betrieben und an deren Festhalten länger als früher üblich. Was fehlt, sind angemessene, noch zu schaffende zusätzliche Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt.